Am Samstag, 31. Mai 2014 klingelte nachmittags bei uns das Telefon. Der Sohn des Nachbarpächters war dran. „Du, schau mal an der Hauptstraße, 50 Meter vor unserer Grenze, da liegt bei euch ein totes Stück im Weizen“
Auf meine Rückfrage, ob ganz sicher tot, sagte er, ganz sicher, ich müsse nicht umgehend los. Also habe ich noch schnell meinen Kuchen fertig gebacken, dann schnappte ich meine Sachen und bin gegen 18:00 Uhr ins Revier gefahren.

Meine Hoffnung, dass es „nur“ einen Bock erwischt hätte, erfüllte sich nicht. Mist – es war eine Ricke. Sie lag an der angegebenen Stelle zwei Meter von der Böschung entfernt im halbhohen Getreide.
Eine breite Fallspur mit jeder Menge Schweiß sagte mir, dass sie vermutlich das Opfer eines leider mal wieder nicht gemeldeten und wohl ziemlich heftigen Autounfalls geworden war.
Offenbar bereits schwerstverletzt, war sie über die steile Böschung in den Weizen gekugelt und auf der Stelle verendet. Das Stück war stark angeschnitten, die Bauchdecke fehlte, sämtliche Innereien waren fort, Pansenreste klebten überall im Weizen und die Keulen waren auch schon halb weg.

Es gab keine Anhaltspunkte mehr, ob sie noch tragend gewesen war, schon gesetzt hatte, oder ob es vielleicht womöglich „nur“ ein starkes Schmalreh oder gar gelt gewesen war – zu sehr hatten sich die Aasfresser schon dran gütlich getan.
Der ramponierte Allgemeinzustand ließ vermuten, dass das Stück dort wohl bereits seit der Nacht von Freitag auf Samstag gelegen hatte.
Beim Entsorgen der Überreste der Ricke kreisten meine Gedanken darum, ob unter Umständen irgendwo Kitze liegen könnten. Die Möglichkeiten waren enorm.

Bei uns im Revier, rechtsseitig der Bundesstraße, der riesige Weizenschlag, wo die Ricke verendet war, daneben noch ungemähte Wiesen und eine Stilllegung mit einem kleinen verwilderten Wäldchen mitten drin.
Dann, auf der linken Straßenseite, im Nachbarrevier, ein Waldstreifen, dahinter endlose Mähwiesen mit bauchhohem Gras und ein paar Meter weiter, hinter der Grenze zum zweiten Nachbarrevier, halbhohes Getreide und auch noch Mähwiesens.
An eine umgehende Suche war nicht zu denken, es dämmerte mittlerweile und ich hatte weder Hund noch Fieper mit und auch keine Helfer.

Also bin ich nach Hause gefahren mit viel Unruhe in Kopf und Bauch.

Nach einer halb schlaflosen Nacht war ich sonntags schon sehr früh auf. Der Gedanke an verwaiste Kitze ließ mir keine Ruhe. Aber da die 50:50 Chance bestand, auch in den Nachbarrevieren suchen zu müssen, wollte ich mir die jeweiligen Pächter dazu holen, oder zumindest ein ok, dass ich über die Grenze gehen durfte. Beim ersten Nachbarn, dessen Sohn mich angerufen hatte, erreichte ich – auch im Verlauf des restlichen Vormittags – niemanden. Aber aufgrund sehr guter persönlicher Kontakte habe ich in dem Moment einfach vorausgesetzt, dass er einverstanden sein würde…..

Der erste Anruf beim zweiten Nachbarn, der uns persönlich unbekannt war, verlief erfolglos, vermutlich weil es so früh war. Nach dem Frühstück versuchte ich noch einmal mein Glück und dieses Mal erreichte ich jemanden.
Nachdem ich alles erklärt hatte, verabredeten wir uns an unserer Reviergrenze, denn der nette Jägersmann war ohne lange Fragerei sofort bereit, bei der Kitzsuche zu helfen, obwohl wir uns bis dahin noch gar nicht persönlich kennengelernt hatten!
Wir packten einen großen Karton, eine Decke, einen guten Blattzeit-Fieper ein und dann fuhren mein Sohn und ich wieder ins Revier.

Sonntags, 11:00 Uhr. Die Kitze, sofern da Kitze waren, wären zu dem Zeitpunkt bereits geschätzte 32 Stunden ohne Milch gewesen!! Ich war ziemlich nervös.
Nach einer kurzen Ortsbesichtigung an der Unfallstelle und der Entscheidung, wo wir anfangen wollten mit der Suche, ging es los, erst mal Richtung in unser Revier hinein, durch die Fahrspur im Weizen, neben dem Fundort der toten Ricke.
Im Gehen probierte ich einmal den Fieper, um nach fast einem Jahr erst mal wieder ein Gefühl für den richtigen Ton zu kriegen. Fiep – und Antwort von der anderen Straßenseite!!!

WAS??

Noch mal fiepen – und wieder ein feines piepen aus genau dem gleichen Bereich wie vorher. Mein erster Gedanke war „Vogel“, aber mein Sohn hatte auch was gehört und schaute in die gleiche Richtung wie ich.
Noch mal fiepen – nichts….. noch ein Fiep – und wieder Antwort. Die hatte dann auch der ältere Jagdkollege gehört.

Abmarsch, so schnell es ging, die Straße entlang am Wäldchen, denn schnurstracks geradeaus durch die Bäume ging nicht wegen einem ausgedehnten Feuchtbiotop unten am Böschungsgrund.
Also mussten wir das Wäldchen umschlagen, und ab der Ecke durch eine hohe Mähwiese. Als wir um diese Ecke bogen, landeten oben an der Waldkante Krähen und ich sagte zu meinem Sohn:
„Fix jetzt, schau da oben, die Krähen!!!“ Auf weiteres Fiepen bekamen wir keine Antwort, aber unbeirrt arbeiteten wir uns so schnell es ging durch die Wiese vor, Richtung Waldkante.
Die Krähen machten sich davon und nach 10 Minuten fand die erfahrene DD-Hündin des Jagdkollegen das erste Kitz, ein größeres, aber schon sehr schwaches Bockkitz.
Keine 10 m weiter konnte ich ganz kurz danach das zweite Kitz finden, ein etwas kleineres Rickenkitz, eingerollt, völlig apathisch, das rechte Auge zugeschwollen und an Haupt und Träger Hackverletzungen. Die Krähen hatten sich das kleinere Opfer als erstes vorgenommen.

So, da standen wir nun also mit zwei ängstlichen, hungrigen, halb ausgetrockneten und verletzten Kitzen. Ich hatte ehrlich nicht damit gerechnet, wenn überhaupt, dann so schnell fündig zu werden. Wohin jetzt?
Am Abend vorher hatte ich in weiser Voraussicht in mehreren Jägergruppen bei Facebook schon angefragt, ob jemand Kontakte hätte zu Aufzuchtstationen für Kitze in unserer Region. Ein Freund hatte sich zurückgemeldet und geschrieben, er hätte da eine gute Adresse, das wäre auch nicht so schrecklich weit weg von mir, Hagen. Hagen? Gut, ungefähr 100 km, weiter machte ich mir keine Gedanken.

Wir packten also die Kitze in den vorbereiteten Karton und legten die Decke drüber, damit sie sich im Dunkeln etwas beruhigen konnten. Schon von unterwegs aus nahm ich Kontakt auf mit dem Freund und ließ mir die Telefonnummer der Aufzuchtstelle geben.
Dort bekam ich eine ungeheuer nette und fürsorgliche Frau ans Telefon. Sie ließ sich gleich alle Umstände und den Zustand der Kitze genauestens beschreiben und erklärte sich dann bereit, die Findelkinder aufzunehmen.
Ich bekam die Order, einen ganz dünnen schwarzen Tee mit einem Hauch Salz zu kochen. Den sollte ich während der Fahrt den Kitzen zur Kreislaufstabilisierung anbieten.

Und dann gab sie mir ihre Adresse – und ich wurde etwas blass ….Hagen…. Hagen bei Bremen ….. 230 km bis dahin …. mein Sohn schaute mich an und sagte nur: „Wir fahren da hin!! Jetzt!!“

Ich kochte also im Eiltempo Zuhause Tee und improvisierte aus einem Einweghandschuh einen Schnuller, indem in den Daumen ein Loch piekste. Während mein Sohn uns Richtung Norden kutschierte, saß ich mit dem Kitzkarton auf der Rückbank, füllte immer wieder warmgehaltenen Tee in den Handschuh und bot beiden Kitzen die dringend benötigte Flüssigkeit an. Das Böckchen ließ sich nicht lange bitten und nuckelte ordentlich, nur das kleinere Rickenkitz war sehr apathisch und ich musste es mit sanfter Gewalt dazu bringen, das Mäulchen aufzumachen und die falsche Zitze anzunehmen. Dann allerdings saugte es auch sehr schön. Das Bockkitz wurde auch langsamer munterer und schaute aus dem Karton heraus.
Die Verletzungen des Rickenkitzes bluteten immer noch, der Karton hatte überall Schweißspuren, aber ich konnte in dem Moment nichts weiter für das Kitz tun, als Flüssigkeit anzubieten.

Nach viel Verkehr und gut drei Stunden Fahrtzeit kamen wir dann endlich in Zielnähe. Unterwegs hatte ich einige Male Kontakt mit dem Jäger und Facebook-Freund, der mir die Aufzuchtstelle vermittelt hatte. Er schrieb, dass schon eine Tierärztin verständigt sei und alles breitstehen würde für uns. Angekommen, wurden wir mit offenen Armen empfangen und die Kitze kamen sofort in einen kühlen, abgedunkelten Raum in einen geräumigen, Karton, damit sie sich beruhigen konnten. Kurz darauf traf die Tierärztin ein, die beiden wurden untersucht und die Verletzungen des Rickenkitzes versorgt. Der kleine Bock hatte noch mal Tee angeboten bekommen und umgehend auch getrunken. Die kleine Ricke wollte nichts nehmen und hatte sich eingerollt. Das sah nicht gut aus.

Derweil die Tierärztin arbeitete, konnten wir uns umschauen und sahen ein kleines Schalenwild-Paradies. Das Hobby und die Passion von Manfred W. ist die Sikawild-Zucht. Auf mehreren Hektar Weideland mit einem idylischen Teich und alten Baumbeständen lebt eine kleine Sikaherde, aus der hin und wieder ein Zuchttier weiterverkauft wird.

Für die dort schon in Aufzucht befindlichen anderen Findelkinder des Monats Mai, vier muntere und wohlgenährte Kitze, gab es ein kleines, offenes Gehege mit einem Unterschlupfhäuschen direkt am Haus, damit die Kleinen etwas mehr unter Aufsicht waren und die Flaschenfütterung einfacher war. Uns wurde gesagt, dass unsere Kitze nach kurzer Eingewöhnungszeit in das kleine Rudel integriert würden. Zwei Wochen später sollten dann alle Kitze umziehen, auf eine Wiese am Ende des Grundstücks, weit weg vom Haus, mit hohem Gras, Büschen und Bäumen zum Verstecken. Nur noch für die Milchmahlzeiten kämen die Kitze dann zum Hof. Das sei wichtig, damit sie sich nicht zu sehr an Menschen gewöhnen würden, da sie ja wieder ausgewildert werden sollen.
Nach zwei Stunden Rast machten wir uns wieder auf den langen Heimweg mit noch mehr Verkehr und mehreren Staus. Abends um kurz vor 21:00 Uhr waren wir endlich wieder daheim vom Projekt Kitzsuche.

Ein Anruf, um zu sagen, dass wir heile wieder Zuhause gelandet waren, ließ uns auch noch einen Stein vom Herzen fallen: Das Rickenkitz hatte ebenfalls angefangen zu trinken und beide Kleinen hatten bereits die erste dicke Portion Milch intus.
Der Lichtstreif am Horizont war zum Sonnenaufgang geworden.

Ich blieb in engem Kontakt mit den Ersatzeltern der Kitze. In den Wochen danach war es mit der kleinen Ricke erst noch ein Auf und Ab. Eine bereits verheilte Hackverletzung durch den dreckigen Schnabel einer Aaskrähe hatte sich unter der Haut entzündet und war vereitert. Das musste mehrfach punktiert und immer wieder desinfiziert werden. Die Kleine machte das aber alles klaglos mit!
Aber als das erledigt war, entwickelte sich auch das Rickenkitz, genau wie ihr Bruder, prächtig, aber es blieb immer etwas kleiner.

Alle Kitze wurden im Herbst, mit Ohrmarken versehen, in Revieren vor Ort ausgewildert. Eine Fahrt zurück in ihr Heimatrevier darf man den stressempfindlichen Tieren nicht zumuten.

Das Fazit dieser Aktion:
Ich habe auf meine Frage nach Aufzuchtstationen – in einem wirklich großen Facebook-Kreis! – insgesamt nur drei Adressen bekommen. Eine Stelle davon nah aus familiären Gründen im letzten Jahr keine Kitze an, die zweite Stelle ist auf einem Hof, wo hin und wieder ein Kitz aus dem eigenen Revier versucht wurde aufzuziehen – mit sehr durchwachsenem Erfolg (und deshalb für mich nicht in Frage kommend) und die dritte Stelle war die Familie W., die in langen Jahren bereits über 30 Kitzen das Leben retten konnte! In diesem Jahr hatten sie bis August 8 Kitze, von denen leider eins nicht überlebt hat. Es war völlig entkräftet an einer Hafenstraße gefunden worden. Vermutlich hatten Tierfreunde es aufgestöbert, als „verlassen“ erkannt…… und versucht, es selber aufzuziehen. Als das nicht klappte, wurde es einfach entsorgt….

Es gibt ganz offensichtlich zu wenige Stellen, die sich umgehend und mit viel Erfahrung um verwaiste Kitze kümmern können. Und diese wenigen Stellen sind kaum bekannt, werden als Geheimtipps unter der Hand weitergegeben. Denn keine dieser Aufzuchtstationen will bekannt werden und dadurch zu viel Zulauf bekommen. Kitzaufzucht ist harte Arbeit. Die sehr empfindlichen jungen Tiere vertragen nicht jedes Futter, benötigen viel Zeit und vor allem die richtige Unterbringung. Ein Käfig wie im Tierheim oder eine Garage mit Garten sind bei aller Tierliebe nicht akzeptabel und ungeeignet und zu viel wohlgemeinte Nähe zu kuschelbedürftigen Menschen mit ständigen Streicheleinheiten wird dem Bedürfnis des Fluchttieres Reh nach ungestörter Distanz auch nicht gerecht.

Es wäre sicher im Sinne aller Revierbesitzer und -pächter, wenn es ein deutschlandweites Verzeichnis von zugelassenen Aufzuchtstationen gäbe. Und da diese Stationen meistens privat, mit viel Herzblut, Engagement und Zeitaufwand betrieben werden, wäre es nur gerecht, wenn übergeordnet von den LJV’s bei entsprechenden Nachweisen pro Kitz eine Unterstützung gezahlt würde, denn Spezialmilch, Aufzuchtbeifutter und Tierarztbesuche bedeuten einen hohen Kostenfaktor für die ehrenamtlichen Kitzmütter und -väter, die in aller Regel nur höchst selten eine Spende von einem „Kitzlieferanten“ bekommen und im Normalfall mit den Kosten allein da stehen!

Wenn jemand mit einer Spende für die Hagener Kitzaufzuchtstation helfen möchte, darf er/sie sich gern an den Hegering Hagen wenden und bekommt dort die Kontaktdaten.

Es ist uns Jägern wichtig, dass mutterlosen Wildtieren geholfen wird, über Landesgrenzen hinweg und ohne Gerangel darüber, aus welchem Revier das Kitz stammt. Denn auch das ist Jagd: Hege der schwächsten und kleinsten, egal woher sie kommen und wohin sie ausgewildert werden!

http://www.weser-kurier.de/region/osterholzer-kreisblatt_artikel,-Seit-vielen-Jahren-Bambis-Retter-_arid,1072262.html

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